MUDSCHAHIDIN DES WERTS

Bomben f�r den Warenfetisch: Die aufkl�rerische Linke im letzten Stadium der b�rgerlichen Vernunft

Wenn es noch eines Beweises bedurft h�tte, da� das Ende des 20. Jahrhunderts mit dem Ende der Modernisierungsgeschichte zusammenf�llt, dann w�rde ihn der fortschreitende intellektuelle Verfall der Linken liefern. Das kritische Bewu�tsein verzweifelt an der Kritik, weil es selber immer schon integraler Bestandteil jener Welt des modernen warenproduzierenden Systems war, die sich nun schubweise aufzul�sen beginnt. Es gibt kein neues Stadium kapitalistischer Entwicklung mehr, das noch einmal "fortschrittlich" besetzt werden k�nnte. Deshalb liegt es anscheinend nahe, sich angesichts einer drohenden Vernichtung der gemeinsamen Gesch�ftsgrundlagen dem Kapitalismus an den Hals zu werfen. Bei jeder neuen Wende der katastrophischen Entwicklungen und Ereignisse erleben wir auch eine neue Stampede von Restlinken, die zu den H�tern des Systems �berlaufen.

In einer Gemeinschaft des heulenden Elends, wie es sie in Jahrzehnten westlichen Bombenregens auf gr��ere Teile des Planeten nicht gegeben hat, wird nach den barbarischen Kamikaze-Attentaten gegen die USA von der bereits kriegsgest�hlten rotgr�nen Regierung bis zu vor kurzem noch linksradikalen Publikationen eine humane b�rgerliche Zivilisation beschworen, die es niemals gegeben hat. Pl�tzlich gilt es als Obsz�nit�t, vom fundamentalistischen Terror der totalit�ren �konomie zu sprechen. Wer die paranoiden Taten von New York und Washington aus den Verh�ltnissen des vereinheitlichten kapitalistischen Weltsystems erkl�rt, wird bezichtigt, sie zu rechtfertigen. Die frischgebackenen Zivilisationsretter meinen, Kapitalismuskritik m�sse jetzt einstweilen zur�ckgestellt werden, und setzen den NATO-Stahlhelm auf wie ihre diversen Vorg�nger. Jeder Generation ihre Bellizisten.

Das inzwischen bis zur Unertr�glichkeit ausgeleierte Muster dieser gemeinsamen ideologischen Weltinterpretation von Aufkl�rungslinken und offizieller Demokratenvernunft besteht darin, immer wieder die Konstellation des Zweiten Weltkriegs zu repetieren wie eine h�ngengebliebene CD. Der Grund daf�r ist leicht erkl�rbar. Im Unterschied zum Ersten Weltkrieg, in dem die Raubstaaten der b�rgerlichen Anti-Zivilisation sich in einer buchst�blich zerfleischenden Konkurrenz gegenseitig abschlachteten, war der Kampf gegen das Alptraumreich der Nazis der erste und einzige Fall, in dem eine innerkapitalistische Konkurrenzposition praktisch damit zusammenfiel, dem in der Wertvergesellschaftung als solcher angelegten Todestrieb vor�bergehend Einhalt zu gebieten. Nur in dieser einmaligen Situation war es notwendig, mit dem Kapitalismus gegen den Kapitalismus zu k�mpfen, um die blo�e M�glichkeit der Emanzipation zu retten.

Die b�rgerliche Vernunft selbst konnte sich weder dieser Konstellation noch deren Singularit�t bewu�t werden. Sie ver�u�erlichte die Nazis ideologisch zu einer fremden, unvern�nftigen, nichtkapitalistischen Monstrosit�t, der gegen�ber "Marktwirtschaft und Demokratie" als das Reich des Guten in der aufkl�rerischen Tradition erschien. Dieses Muster wurde legitimatorisch auf die sp�teren Gro�konflikte �bertragen. Die Geschichte nach 1945 bildete sich im b�rgerlichen Bewu�tsein als immer erb�rmlichere Farce nach der Trag�die ab; es ging nur noch darum, das au�erdemokratische und au�ervern�nftige "Reich des B�sen" zu definieren.

Seitdem der staatskapitalistische Block mangels Existenz diesen Part nicht mehr �bernehmen kann, m�ssen in der fortschreitenden Weltkrise seit Anfang der 90er Jahre immer abenteuerlichere Gestalten zwecks weltdemokratischer Legitimation in die Rolle von "Hitler" schl�pfen: zuerst mit Saddam Hussein ein abgetakelter Modernisierungsdiktator, dann mit Milosevic der typische Krisenpotentat einer sich aufl�senden National�konomie, schlie�lich mit Osama bin Laden eine mythisierte Figur der postpolitischen Banden- und Sektenstrukturen in der �ber den Wert rein negativ hergestellten Weltgesellschaft.

Konnte das b�rgerliche Denken schon in der realen Konstellation des Zweiten Weltkriegs die Nazis nicht als legitime Abk�mmlinge seiner eigenen Vernunft begreifen, so mu� es bei den blo� noch illusorischen Wiederholungen immer gewaltsamer Unvergleichbares gleichsetzen und so den Nationalsozialismus in der Dimension seiner Taten verharmlosen.

Ethno-Nationalismus und religi�ser Wahn in den vom Weltmarkt sozial�konomisch verbrannten Regionen sind nicht dasselbe wie die antisemitische Weltanschauung und Rassenlehre der Nazis; auseinanderfallende Zusammenbruchs-Gesellschaften der Peripherie bilden nicht dieselbe Grundlage wie die gleichgeschaltete Gesellschaft einer auf Weltherrschaft ausgerichteten und dazu bef�higten Macht des kapitalistischen Zentrums; und milit�rische Abenteuer verwilderter Regimes einer gescheiterten "nachholenden Modernisierung" oder gar Selbstmordattentate religi�ser Sekten und anderer Irrl�ufer der globalen Fetischverh�ltnisse haben nicht dieselbe Qualit�t wie der Generalangriff des als Industrieweltmacht hochger�steten Nazideutschlands auf die Menschheit.

In demselben Ma�e, wie man die in rascher Folge einander abl�senden Hitler-Stellvertreter in immer abgelegeneren Gegenden des globalen S�dens und Ostens lokalisiert, wird das ideologische Konstrukt immer fadenscheiniger. Der vereinigte demokratische Sicherheits- und Ausgrenzungsimperialismus kann in der reif gewordenen Weltkrise den Todestrieb, wie er den Subjekten des Wertverh�ltnisses inh�rent ist, nicht noch einmal auf dem Boden dieses Verh�ltnisses aufhalten und ver�u�erlichen wie beim Niederringen der Nazis. Die Reife des kapitalistischen Selbstwiderspruchs zeigt sich auch daran, da� der aus der globalen Krisenkonkurrenz freigesetzte Vernichtungs- und Selbstvernichtungswunsch sich ebenso molekular zerstreut wie die globalisierte Betriebswirtschaft. Deshalb ist es ein vergebliches Unterfangen des kapitalistischen Zentrums, die von ihm selbst erzeugten Zonen des Schreckens "drau�en in der Barbarei der dritten Welt" festzubannen und sich selber frei davon zu halten.

Die Selbstmordattent�ter von New York und Washington waren negative Weltb�rger und hybride postmoderne Existenzen, die in den USA h�tten Karriere machen k�nnen. Ihre Geisteshaltung unterscheidet sich nicht wesentlich von derjenigen des Oklahoma-Attent�ters oder jenes biederen Schweizers, der vor kurzem ein ganzes Kantonatsparlament niedergemetzelt hat. Von jetzt an wird man unsicher sein m�ssen, ob der unscheinbare Reisende in globaler Boss- oder Adidas-Einheitskluft nicht wom�glich die atomare Kofferbombe mit sich herumschleppt. Diese Manifestationen des Todestriebs aus dem Inneren der universellen negativen Weltgesellschaft k�nnen nicht mehr als �u�ere Gegenmacht identifiziert und mit Flottenaufm�rschen und Bombenhagel niedergeschlagen werden.

Weil das Denken der aufkl�rerischen Linken ebenso in der Zeitschleife der projektiv stets von neuem abgespulten Konstellation des Zweiten Weltkriegs h�ngen geblieben ist wie die offizielle kapitalistische Ideologie, konnte der in der "Dialektik der Aufkl�rung" vorgelegte theoretische Versuch nie zu Ende gef�hrt werden. Adorno und Horkheimer hatten, obwohl sie bei ihrer Begr�ndung radikaler Kritik in vieler Hinsicht das aufkl�rerische Denkmuster noch nicht �berwinden konnten, dennoch die theoretische Kraft aufgebracht, die Nazis als Resultat dieser Aufkl�rung selber statt als �u�erliches "Reich des B�sen" zu begreifen. Gleichzeitig zeigten sie, da� die Entwicklung der gesellschaftlichen Strukturen sowohl im sowjetischen Staatskapitalismus als auch in den westlichen Kernl�ndern Elemente derselben Tendenz enthielt, die in Deutschland zu den Nazis gef�hrt hatte. Weil sie zeitbedingt noch die arbeiterbewegungsmarxistische Verk�rzung der Kritik der politischen �konomie teilten, sprachen sie dabei von einer "negativen Aufhebung des Kapitalismus" statt von einer Entwicklungsstufe und Erscheinungsform des Kapitalismus selbst.

Die Enkel der kritischen Theorie in der radikalen Linken haben den theoretischen Ansatz der "Dialektik der Aufkl�rung" nicht weiterentwickelt, sondern verflacht. W�hrend sie eine beweihr�uchernde Adorno-Orthodoxie pflegten, verf�lschten die Adepten den Begriff einer vermeintlichen "negativen Aufhebung des Kapitalismus", indem sie diese Formel im Gegensatz zu Horkheimer und Adorno au�schlie�lich auf Nazi-Deutschland bezogen. Damit wurde es m�glich, die Frage der Emanzipation vom Wertverh�ltnis abstrakt und v�llig unbestimmt f�r sich in Anspruch zu nehmen, um sie in Wirklichkeit beiseite zu schieben und sich auf einen ewig wiederholten Kampf zusammen mit dem (westlichen) Kapitalismus gegen den (deutschen) angeblich "negativ aufgehobenen Kapitalismus" zu orientieren.

Dieses Konstrukt als linksradikale Variante der gemeinb�rgerlichen Nachkriegsideologie bot �ber seine Protagonisten hinaus f�r ein linkes Spektrum Ankn�pfungspunkte, weil damit auch nach dem Ende des Arbeiterbewegungsmarxismus eine intellektuelle Nische im Rahmen der Wertvergesellschaftung gefunden schien. Da� es sich mit der wirklichen Geschichte nach 1945 nicht im mindesten zusammenreimte, mu�te es f�r ein tatsachenresistentes innerideologisches Denken umso anziehender machen.

Als radikaloppositionell konnte sich diese Position gegen�ber der offiziellen NATO-Vernunft nur dadurch imaginieren, da� sie die zugeschriebene Nazi-Rolle lediglich anders besetzte, n�mlich halluzinatorisch mit dem angeblich wiedererwachten altdeutschen Nationalimperialismus eines nach Weltmacht strebenden "Vierten Reiches".

Den gelernten Analphabeten in der Kritik der politischen �konomie ist der Charakter der dritten industriellen Revolution als erscheinende innere Grenze des Systems ebenso entgangen wie der daraus resultierende Proze� der betriebswirtschaftlichen Globalisierung. So konnten sie auch nicht realisieren, da� der nationalimperiale Kampf um territoriale Annexionen gegenstandslos geworden ist. W�hrend sich die kapitalistische Macht unter dem Dach der Pax Americana und in der politisch-milit�rischen Organisation der NATO l�ngst zu einem "ideellen Gesamtimperialismus" formiert hat, der heute mitsamt seiner High-Tech-Milit�rmaschine die losgelassenen D�monen seiner eigenen Weltkrise in der Gestalt von Gotteskriegern, Schurkenstaaten und Ethnobanditen nicht in die Flasche zur�ckpr�geln kann, lie� eine verballhornte kritische Theorie in einem miserablen Fantasy-Spiel die BRD als Weltmachtkonkurrenten der USA �berall dort aufmarschieren, wo die Bundeswehr real in Kompaniest�rke und schwerpunktm��ig mit Sanit�tsfahrzeugen agierte.

Die Auseinandersetzung mit der blutsnationalen "deutschen Ideologie" und der antisemitischen Konstitution des deutschen Nationalstaats wurde so ohne jeden ernsthaften realanalytischen Bezug auf die ver�nderten Weltverh�ltnisse in einen v�llig irrealen Kontext gestellt und damit entwirklicht. Auch die beiden demokratischen Weltordnungskriege der 90er Jahre nahmen die antideutschen Geisterseher der Weltkriegsepoche ausschlie�lich durch die Brille ihres anachronistischen Konstrukts wahr.

So wurde der Golfkrieg gegen den Irak einzig deswegen bef�rwortet, weil die BRD nicht direkt (sondern nur finanziell) beteiligt war, und daraus die originelle Schlu�folgerung gezogen, die Kohl-Regierung r�ste sich unter ideologischer F�hrung der Friedensbewegung zur Wiederholung von Auschwitz durch ihren Strohmann Saddam Hussein. Auf diese Weise gelang es mit traumwandlerischer Sicherheit, auch die Kritik am tats�chlich aufkeimenden Linksnationalismus, v�lkischen Denken und klammheimlichen Antisemitismus in der Friedensbewegung grotesk zu entwirklichen. Von der offiziellen demokratischen Version des Hitler-Spiels unterschied sich diese nur noch durch die Betonung des angeblichen deutsch-nationalimperialen Hintermanns.

Umgekehrt gen�gte die subalterne milit�rische Beteiligung der BRD im Kosovo-Krieg, um nicht nur pl�tzlich wieder Kriegsgegnerschaft zu spielen, sondern auch den staatskapitalistischen Mafia-Paten Milosevic zum Friedens-Staatsmann gegen den deutschen Imperialismus zu ernennen und ebenso wie diverse Neonazis bierselig die faschistischen Cetniks hochleben zu lassen. Diese v�llige Verblendung f�hrte dazu, allen Ernstes den USA vorzuwerfen, sie f�hrten auf der falschen Seite Krieg. Es lohnt nicht, die verschw�rungstheoretischen Erg�sse weiter zu beleuchten, deren H�hepunkt schlie�lich darin bestand, in den gottverlassenen Schluchten des s�dlichen Balkan den strategischen Show Down zwischen der v�lkischen "Supermacht" Deutschland und den armen, �ber den Tisch gezogenen, die aufkl�rerischen Ideale repr�sentierenden USA anzusiedeln.

Derart n�rrische Interpretationsleistungen von sonst intelligenten Leuten r�hren aus einer Art Kategorienfehler: Weil sie �berhaupt keinen Begriff der fetischistischen Konstitution von Gesellschaft haben, die stets in blinde Objektivierung und subjektiv-ideologische Repr�sentation auseinanderf�llt, verwechseln sie die Realit�t von weiterwirkenden ideologischen Traditionen, Stimmungen und Verwerfungen mit der anderen, wenngleich damit vermittelten Realit�t von objektivierten Prozessen auf der Ebene der kapitalistischen Struktur und ihres "automatischen Subjekts". Das antisemitische Stereotyp im Kopf von deutschen Friedensbewegten wird dann kurzgeschlossen mit der Entwicklung des Kapitalismus, die Entwicklung der Weltverh�ltnisse genau verkehrt herum aus "Ideologiebildungen" abgeleitet (und damit die angebliche Ideologiekritik selber in eine Ideologie verwandelt). Hinter dem Denkfehler verbirgt sich allerdings ein bestimmter Reflex, n�mlich der panische R�ckzug auf die kapitalistische Ontologie und deren abgr�ndig verlogene aufkl�rerische Legitimation, sobald die Lage un�bersichtlich und gef�hrlich wird.

Der zusammen mit der kapitalistischen Weltkrise reif gewordene Realit�tsverlust dieses Denkens fand nun Gelegenheit, anhand der Ereignisse des 11. September 2001 seine wahre Natur zu offenbaren. Nur noch nebenbei wird die bisherige Fantasy-Story weitergesponnen, wonach nat�rlich die islamischen Kamikaze-Terroristen ausf�hrende Organe des deutschen v�lkischen Nationalimperialismus in seiner G�tterschlacht gegen die USA gewesen sein und letztere folglich Hamburg-Harburg samt der dortigen Hochschule als Brutst�tte des deutsch-islamischen Terrorismus mit Cruise Missiles dem Erdboden gleichmachen m��ten.

An dieser Stelle wird das ganze Konstrukt jedoch in seiner Absurdit�t derart �berdehnt, da� es wie eine Seifenblase platzt, um fast im selben Atemzug einer ganz anderen, kaum weniger absurden Version zu weichen: Pl�tzlich wird uns "der Islam" als die eigentliche Wiederkehr des Nazi-Reiches aufgetischt, der Koran als die neue Lesart von "Mein Kampf" entdeckt, der Kamikaze-Terrorakt mit Auschwitz analog gesetzt; und die antisemitischen Deutschen sehen sich von allein in Frage kommenden Hauptt�tern zu wankelm�tigen Helfershelfern oder gar blo�en Sympathisanten des neuen "Reiches des B�sen" heruntergestuft (wie man den schrillen Erkl�rungen der "Bahamas"-Redaktion entnehmen kann). So ganz nebenbei l�schen die intellektuellen Amok-Flaneure alle bisherigen Essentials �ber die Singularit�t der Nazis und ihres Menschheitsverbrechens von ihrer ideologischen Festplatte. Enzensberger �bergipfelnd, der in Saddam Hussein den Wiederg�nger Hitlers zu sehen w�hnte, hat man nun gl�cklich die deutsche Geschichte in den Orient expediert.

Dazu pa�t es, die Ereignisse nicht mehr im Licht der Kapitalismuskritik zu betrachten, sondern im Gegenteil vom Standpunkt eines Abfeierns der kapitalistischen Moderne gegen eine halluzinierte "Vormodernit�t" des Islamismus, der ungef�hr so mittelalterlich ist wie die Propheten der New Economy. In einem �belriechenden Schwall kommt der ganze Herrenmenschen-Rassismus eines Kant oder Hegel zusammen mit dem irrationalen Ha� der postmodernen Konsumfetischisten gegen das Phantasma einer ruralen Bed�rfnisarmut hoch, um die genuin kapitalistisch-moderne Pest des Antisemitismus letztlich in einen imagin�ren vormodernen Raum zu ver�u�erlichen. W�hrend man in einem Nebensatz noch vorgibt, von der Modernit�t des Terrors in der Einen Welt des Kapitals zu wissen, verwandeln sich gleichzeitig die per Internet kommunizierenden terroristischen Einser-Studenten in Repr�sentanten eines aufst�ndischen globalen "Dorfdeppentums", dem der Warenfetisch erst noch in die K�pfe gebombt werden m�sse.

Die Simulanten der kritischen Theorie entpuppen sich als Mudschahidins des Werts. Einerseits tun sie so, als w�ren die Taliban gerade dabei, aus den Bergen Afghanistans im Westen einzumarschieren und ein globales Schreckensreich nach dem Muster der Nazis zu errichten; und als st�nden die islamischen Heerscharen mit ihren Krumms�beln bereits kurz vor Berlin, wird die l�cherliche Alternative aufgemacht, wir m��ten nun hierzulande dringend eine Entscheidung zwischen der drohenden Herrschaft der Scharia und dem guten alten Kapitalismus treffen, die dann nat�rlich aufatmend zugunsten des letzteren ausf�llt. Die von Wahnvorstellungen getriebenen Terroristen werden pl�tzlich als dessen eigentliche "Feinde" deklariert, w�hrend die abgekl�rten j�ngsten NATO-Linken sich nicht mehr so sehr als "Feinde des Kapitalismus" f�hlen.

Andererseits kommt es so heraus, da� den ungewaschenen Vormodernen, die der Kapitalismus in Wirklichkeit h�chstselbst in das Taliban-Regime geschleudert und denen er keine sch�nen Auswahlm�glichkeiten gelassen hat, erst mal kapitalistische Manieren in die Seele gepr�gelt werden sollen. Man w�nscht sich die Wertkritiker, die es jetzt erst recht sein wollen, "nach Afghanistan", damit sie mal sehen, wie lebensunwert eine Welt ohne TV ist. Den Rest mag die US-Army erledigen. Wer mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrem Erscheinen nicht �ber die "Dialektik der Aufkl�rung" hinausgekommen ist, mu� dahinter zur�ckfallen.

W�hrend Adorno und Horkheimer in einer Situation, die wirklich eine US-Uniform f�r die kritische Vernunft erforderte, dennoch die Wurzeln des m�rderischen Wahns in der aufkl�rerischen Ideologie nachwiesen, m�chten die �ber die Aufkl�rung unaufgekl�rten sekund�ren Dorfdeppen des Warenfetischs in der heutigen Situation, die f�r die kritische Vernunft alles andere als eine US-Uniform erfordert, ganz platt mit den b�rgerlichen Illusionen des 18. Jahrhunderts ihre eigenen Illusionen retten und noch einmal einen Kindergeburtstag jener Aufkl�rung feiern, die nicht einmal mehr eine stinkende Leiche ist.

Am Ende der Modernisierungsgeschichte fallen Fortschritt und Reaktion, Aufkl�rung und Gegenaufkl�rung in der zerbrechenden gemeinsamen Form der Wertvergesellschaftung unmittelbar zusammen. Und es erweist sich, da� "pursuit of happiness" nie etwas anderes gemeint hat als die Erlaubnis, in der kapitalistischen Vernichtungskonkurrenz dem Selbsterhaltungstrieb zu fr�nen, die Kantsche "reine Form apriori" nie etwas anderes als ein Weltvernichtungsprogramm und sein "ewiger Friede" nichts anderes als die Friedhofsruhe einer vom Wert verw�steten Welt. Das Transzendentalsubjekt studiert in Hamburg-Harburg und anderswo High-Tech und den Koran oder die "Bahamas"; sein kategorischer Imperativ ist das reale oder intellektuelle Selbstmordattentat.

Mit der Projektion eines angeblich nie in der wunderbaren Modernit�t angekommenen Islam als Reinkarnation der Nazis ist das linksradikale ideologische Revival der Anti-Hitler-Koalition zwar nicht intelligenter, daf�r aber endlich deckungsgleich geworden mit der gemeindemokratischen Version. Ein Unterschied besteht nur noch in der Intensit�t des von Verdr�ngung eigener Widerspr�che gepr�gten Willens zum Losschlagen: Die Position der verk�rzten Kritik ist umgeschlagen in die Position von Hardlinern und Huntingtons hoch drei, die dem Westen "Appeasement-Politik" und unverzeihliche Skrupel gegen�ber dem gesamtislamischen "Reich des B�sen" vorwerfen. Indem man den Deutschen und der rotgr�nen Regierung noch antisemitisch bedingtes Z�gern vorwirft, l��t man schon durchblicken, sie k�nnten sich durch die Bombardierung der moslemischen Slums im Krisenbogen zwischen Indonesien und Mauretanien wom�glich von Auschwitz befreien.

Ohne es zuzugeben, ist die angebliche Ideologiekritik auf diese Weise mit dem aktuellen Aggregatzustand der "deutschen Ideologie" durchaus intim geworden. Im Bewu�tsein der deutschen v�lkischen Weltb�rger hat sich n�mlich das Moment des offenen oder versteckten Antisemitismus l�ngst widerspr�chlich amalgamiert mit einem antiarabischen Rassismus. Einerseits werden bekanntlich die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen (sekund�rer Antisemitismus). Weit davon entfernt, deswegen mit irgendeinem Islamismus zu sympathisieren, pflegte andererseits das deutsche Autofahrer-Bewu�tsein schon zu Zeiten der �lkrise seine Wut auf "die Scheichs"; und es erkennt jetzt in jedem irgendwie orientalisch aussehenden Zeitgenossen einen potentiellen Kehlenaufschlitzer, ohne zu merken, da� es selbst am Rand des �berschnappens steht. Volkes Stimme ist auch gegen "Appeasement". Am besten die Atombombe drauf, damit die da unten endlich Ruhe geben und weiter billigen Treibstoff f�r die kapitalistische Weltmaschine liefern.

Das eher mittelst�ndische und intellektuelle Bewu�tsein von "Marktwirtschaft und Demokratie" dagegen zaudert weniger wegen seiner durchaus vorhandenen antisemitischen Ressentiments, sondern vielmehr aus Angst vor einer unbeherrschbaren Eskalation der Krisenprozesse. Obwohl man selber in der radikal-�konomistischen Zurichtung aller Lebensbereiche die Grenze zur Paranoia l�ngst �berschritten hat, m�chte man den galoppierenden Wahn der negativen Weltgesellschaft am liebsten ausblenden und eine gutb�rgerliche Normalit�t wiederherstellen, die es schon nicht mehr gibt. Die grausame Wirklichkeit soll sich wieder in einen "Film" zur�ckverwandeln, den man anschauen kann oder auch nicht; die Realexistenz von Elend, Hass und Todessucht ein folkloristisches Studienobjekt f�r Hauptseminare und ein Gegenstand f�r NATO-Friedenstruppen bleiben, aber nicht als fliegende Bombe in die eigene Lebenswelt einschlagen. Das weltzerst�rende, an sich selbst irrationale System der Wertverwertung mu� um jeden Preis erhalten werden, aber wir haben Verst�ndnis f�r alle Sorgen und N�te und "Kulturen". Die Besinnungslosigekit selber ist es, die nach "Besonnenheit" ruft.

Was die bellizistischen linken Sp�taufkl�rer absondern, stellt allerdings so ziemlich die d�mmste und dumpfeste ideologische Reaktion auf die akut drohende Weltbarbarei dar. Schon in der Vergangenheit hatten sie die Reformulierung der Marxschen Krisentheorie abgewehrt und �berhaupt die konsequente Wertkritik als eine Art "�konomistisches Spezialistentum" bewu�t mi�verstanden, um die eigene theoretische Befangenheit in der Subjektform des Warenfetischs und in der dazugeh�rigen aufkl�rerischen Geschichtsmetaphysik unangetastet zu lassen. Jede Kritik an der kapitalistischen Form des Reichtums wurde denunziatorisch mit einer Propaganda f�r konservativen Konsumverzicht gleichgesetzt. Jetzt holt der dramatische Zerfall der b�rgerlichen Subjekt- und Politikform eine schon immer blo� halbe und deshalb unwahre Kritik ein.

Den wenigsten, die auf dieser schiefen Bahn eines Identit�tszusammenbruchs mit davongewirbelt werden, ist wohl bewu�t, da� sie sich von der Kritik bereits verabschiedet haben. Alle, die jetzt f�r den Krieg gegen die angeblich "vormodernen, au�erkapitalistischen Barbaren" stimmen, werden nie mehr unbefangen gegen die brutalisierte Ausl�nder- und Asylpolitik des demokratischen Sicherheits- und Ausgrenzungsimperialismus auftreten k�nnen.

F�r radikale Kritik kommt es jetzt darauf an, sich von der eigenen unreflektierten Angst nicht kriegshetzerisch machen zu lassen. Es war von Anfang an richtig, in den Weltordnungskriegen seit Beginn der 90er Jahre jede positive Parteinahme zu verweigern. Auch wenn die M�glichkeit einer gesellschaftlichen Wirksamkeit als schwach erscheint, gilt es dennoch, gegen die falschen Alternativen dieser an ihren Selbstwiderspr�chen zugrunde gehenden Welt von "Marktwirtschaft und Demokratie" eine eigenst�ndige wertkritische Position zu behaupten und weiterzuentwickeln.

Kritische Vernunft wei� schon l�ngst, da� die Erniedrigten und Beleidigten nicht die besseren Menschen sind, und da� das "automatische Subjekt" der Moderne nicht mit seinen pers�nlichen Repr�sentanten verwechselt werden darf. Erst recht, da� es kein Zur�ck hinter die warenproduzierende Moderne geben kann, sondern nur die Transformation �ber ihre destruktive Form hinaus. Gerade weil wir Produkte der Aufkl�rung sind, m�ssen wir die emanzipatorische Kritik der Aufkl�rungsideologie angesichts ihrer verheerenden Resultate zu Ende f�hren. Deshalb: Mitgef�hl ohne den Beigeschmack des Ressentiments f�r alle Opfer; f�r die unter den Tr�mmern des World Trade Center begrabene Brokerin ebenso wie f�r den von NATO-Bomben zerfetzten Namenlosen. Und nicht das kleinste Zugest�ndnis an dieses System.