Jungle World 23. Juni 1999
Kapitulation, theoretisch und konkret

Die antideutsche Linke und ihr Desaster im Kosovo-Krieg.
Von Gerhard Hanloser 

"F�hrt der deutsche Sonderweg immer noch schnurstracks von 1914 �ber 1941 bis nach 1999?" fragten wir zu Beginn des Krieges gegen Jugoslawien Vertreter der antideutschen Linken. Deren Auseinandersetzungen mit dem Krieg in der Jungle World und in anderen Medien haben, so Gerhard Hanloser, die Schw�chen ihrer historischen und politischen Analyse offenbar gemacht. Wir setzen die Diskussion in den kommenden Ausgaben der Jungle World fort. (Red.)

Die antideutsche Linke hat angesichts des Kosovo-Krieges versagt. Ihre falschen Positionen und Theorien bewegen sich auf dem Niveau der armseligen deutschen Verh�ltnisse, was anzeigt, da� die Linke hier au�erstande ist, kollektiver Kritiker dieser Gesellschaft zu sein.

War die deutsche Linke der siebziger und achtziger Jahre in weiten Teilen antiamerikanisch und antizionistisch-antisemitisch, so hat sich nach der deutschen Wiedervereinigung und den Pogromen von Rostock und Hoyerswerda in Abgrenzung zu dieser Geschichte eine antideutsche Linke etabliert, die allerdings auch nur �ber milieubedingte Codes ihre Meinungen und Bekenntnisse aufrechterh�lt.

Dar�ber hinaus ist sie immer davon bedroht, von ihrer eigenen Vergangenheit in K-Gruppen und antiimperialistischen "Zusammenh�ngen" eingeholt zu werden, was Diskussionen mit antideutschen Wortf�hrern sehr schwer macht, da sie nicht mit ihrem Gegen�ber streiten, sondern mit ihren (verdr�ngten) fr�heren Positionen k�mpfen.

Der Kosovo-Krieg ist ein Krieg, wie ihn sich ein relevanter Teil der sogenannten Antinationalen, wahlweise auch Antideutsche genannt, eigentlich gew�nscht haben m��te. Das mag auf den ersten Blick unverst�ndlich und absurd vorkommen, scheinen doch die Antideutschen diejenigen zu sein, die am vehementesten gegen die Instrumentalisierung von Auschwitz f�r den aktuellen Krieg anschreiben. Doch Antideutsche wie nationale Linke brauchen sich gegenseitig.

W�hrend die Verantwortungsethiker mit obsz�ner Offenheit Auschwitz als Mittel einsetzen, um Kriege gegen "�hnliches" auch in Zukunft zu f�hren, scheint sich bei den Antideutschen der Verweis auf die Vergangenheit l�ngst verselbst�ndigt zu haben. Wie anders ist Tjark Kunstreich (konkret, Nr. 6/99) zu verstehen, wenn er behauptet, die Wahrheit �ber den Krieg (n�mlich Deutschlands Rolle) sei "(nicht nur) in diesem Falle eine (...), die nach Auschwitz verweist"?

Davon abgesehen war die Ablehnung der Instrumentalisierung von Auschwitz nicht immer Konsens unter Antideutschen: W�hrend des zweiten Golf-Kriegs wurde der Kriegsopposition von dieser Seite vorgeworfen, sie habe nicht die zwingenden Lehren aus der Geschichte gezogen, welche sich eben nicht nur in "Nie wieder Krieg" ersch�pfen d�rften, sondern "Nie wieder Auschwitz" hei�en m��ten. Die antideutsche Linke bildete damals die Speerspitze derjenigen, f�r die Auschwitz eine jederzeit abrufbare Chiffre wurde, um f�r den damals noch nicht "humanit�r" begr�ndeten, sondern "antifaschistisch-antideutschen" Krieg zu trommeln.

Weil die Alliierten w�hrend des Zweiten Weltkrieges keinen einzigen Bomber aufgetankt haben, um die Gleisanlagen nach

Auschwitz zu bombardieren, wollten Wortf�hrer der konkret-Linken wenigstens dieses Mal die Raketen auf Bagdad mit dem anti-antisemitischen Gru� "Good bye, Saddam" verzieren. Ungeachtet der finanziellen und logistischen Unterst�tzung Deutschlands f�r die Alliierten des zweiten Golf-Kriegs, wurde der Regierung wie der Friedensbewegung vorgeworfen, zu "feige" f�r diesen gerechten Krieg zu sein, und die Tatsache, da� die Kohl-Regierung nicht voll gleichberechtigt an diesem Krieg teil hatte, wurde als Sonderweg kritisiert.

In �hnlicher Weise wie bereits J�rgen Trittin mit seiner antideutschen DM-Polemik versuchte, die Linke auf neoliberalen Euro-Kurs zu bringen, begr�ndete nun auch Schr�der, der zu seinen atlantischen Freunden steht, wie Boris Jelzins Sauna-Freund Kohl es nicht vermocht h�tte, die deutsche Beteiligung am Nato-Krieg mit "Nie wieder Sonderweg". Die Antideutschen haben gekriegt, was sie wollten: imperialistische Normalit�t und eine zweite ideologische Westbindung Deutschlands (nat�rlich tobt auch ein innerimperialistischer Kampf zwischen EU-Deutschland und den USA, aber wenn der Kosovo-Krieg eines gezeigt hat, dann doch wohl das vereinte milit�rische Vorgehen der wirtschaftlich und politisch konkurrierenden kapitalistischen Staaten).

An einer Militarisierung des linken Diskurses und am Angriff auf den radikalen Def�tismus, der die internationale Arbeiterbewegung einte, als man von ihr noch sprechen konnte, war die antideutsche Linke f�hrend beteiligt. Die antideutsche Gruppe ak kassiber wollte "das bekenntnis zur politik der alliierten" als "essential" zuk�nftiger Politik und Kritik festhalten, und Matthias K�ntzel erkl�rte die Frage "Wie h�ltst du's mit Bomber-Harris?" zum Lackmustest f�r die Linke; ein diskursiver Tiefpunkt, �ber den heute noch britische Freunde und Genossen, denen dies geschildert wird, lachen m�ssen.

Tjark Kunstreich will heute noch nicht wahrhaben, da� Auschwitz der letzte Grund f�r den US-amerikanischen Kriegseintritt in den Zweiten Weltkrieg war und kritisiert die neue Linke nach 1968: "Unterstellt wird, da� die Alliierten den Krieg nicht wegen Auschwitz f�hrten, sondern weil sie eigene Interessen durchsetzen wollten, wie es dann in der BRD und der DDR der Fall war. Im allgemeinen folgte dieser Darstellung eine antiamerikanische Tirade gegen die Reeducation und gegen Hollywood, verbunden mit Hinweisen auf den V�lkermord an den Indianern und dem Satz 'Jedes Land hat seinen Holocaust'." (konkret, Nr. 6/99)

N�hme er nur mal ein Buch eines linken sogenannten revisionistischen US-Historikers in die Finger, w�rde Tjark Kunstreich vielleicht diese ideologische Sichtweise, die von den antikommunistischen Traditionalisten abgeschrieben sein k�nnte, revidieren und nebenbei noch sehen, da� der US-Kriegseintritt mit dem Weltmarkt eine Menge, mit der Gr�ndung von BRD und DDR aber gar nichts zu tun hatte (und dies folglich auch der d�mmste 68er nicht behauptete).

Wenn Justus Wertm�ller in der Jungle World, Nr.23/99, wieder die so stalinistische wie falsche Logik "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" auspackt, mit serbischen Nationalisten keine Probleme hat und seit neuestem "Antinationalismus" deswegen verdammt, weil dies eine prinzipielle Staats- und Nationenkritik zur Folge haben k�nnte, die der Logik der Positionierung zugunsten einer Kriegspartei entgegenl�uft, so ist das Ende der Fahnenstange erreicht.

Zu was, fragt man sich r�ckblickend, hat man sich nicht schon alles bekennen m�ssen, wenn es nach den Wortf�hrern der Antideutschen ginge? Aufmerksame Leserinnen und Leser der Publikationen konkret, Jungle World oder der alten jungen Welt, sind die Schaupl�tze der K�mpfe noch wohlbekannt: Die deutschen Linken sollten mit den englischen Tories gegen die verr�ckten Iren antreten, mit den Sowjets gegen die Afghanen, mit den t�rkischen Milit�rs gegen PKK und Islamisten und mit Jelzin gegen die Tschetschenen. Als besonders engagierte Kriegstrommler taten sich J�rgen Els�sser und Justus Wertm�ller hervor. Vernunft versus Barbarei und Nationalstaat versus Sezessionismus lautete ihrer Meinung nach der immerw�hrende casus belli.

Vor diesem Hintergrund und mit dieser Analyse ist es allerdings reiner Zufall, da� die antideutschen Agitatoren mal f�r oder mal gegen einen imperialistischen Krieg sind; die Gr�nde, die sie angeben - und das l��t sich mit Sicherheit sagen -, sind allerdings meistens falsch. Eine scharfe Verurteilung des Kosovo-Krieges konnte einigen Exponenten der Antideutschen allem Anschein nach nur dann gelingen, wenn die Rolle Deutschlands besonders gro� gezeichnet wurde. Die "Analysen" gingen hierbei weit �ber die linke Selbstverst�ndlichkeit hinaus, da� der Hauptfeind im eigenen Land stehe. Deutschland habe die USA in diesen Krieg hineingezogen und plane - deutsche List der Vernunft - die Delegitimierung und "Zerschlagung der Nato als letzte Bastion der europ�ischen Nachkriegsordnung" im Interesse eigener Machtambitionen (Thomas Becker, "Good bye, America!", Jungle World, Nr.16/99).

Die Weigerung, den zivilgesellschaftlichen Menschenrechts-Imperialismus, an dem Deutschland nun souver�n teil und mit Ludger Volmer, Joseph Fischer und Angelika Beer auch die passenden Charaktermasken anzubieten hat, zur Kenntnis zu nehmen und auf die krisenhafte Situation der kapitalistischen Weltgesellschaft zu beziehen, korrespondiert mit der Dichotomie westlich-aufgekl�rte Gesellschaften hier und v�lkisch-barbarische dort, wobei Deutschland letzterem zugeschlagen wird.

Die Erfahrungen mit dem Golf-Krieg provozieren die Frage, was die Antideutschen tun w�rden, wenn ein vertragsbr�chiger, "anti-zivilisatorischer" arabischer Despot, nur weil er IWF-Kredite nicht zur�ckzahlen will und kann, den Panarabismus durch eine Bedrohung Israels aktiviert und das Schr�der- oder Sch�uble-Deutschland gegen diesen Despoten an der Seite der keineswegs delegitimierten Nato eingreift? Die antideutschen Dichotomien w�rden hier zu einer Aporie f�hren.

Zu erwarten ist eine linke Variante des clash of civilizations, die sich bereits in den zuweilen rassistischen Ausf�hrungen �ber den Kosovo-Albaner gezeigt hat: "Alles Dealer", wei� J�rgen Els�sser zu berichten, deren Anblick obendrein "bei albanischen M�dchen weiche Knie verursachen" sollte, wie Thomas Becker in der bahamas, Nr.28/99, erg�nzt. Au�erdem vermehren sie sich wie die Karnickel, kann vielleicht Wolfgang Pohrt irgendwann nachschieben, wenn er seine Studien zum Fl�chtling als Prototypen des Turbokapitalismus beendet hat (Vorarbeiten und Hypothesen zu diesem Thema sind in konkret nachzulesen).

Sollte die Krise der kapitalistischen Weltgesellschaft weiter voranschreiten und Mord, Raub und Vertreibung dort hervorbringen, wo die Reproduktionsm�glichkeit der Leute in ein prek�res Stadium eintritt, werden sich diese Antideutschen schnell an ihre zivilgesellschaftlichen Freunde wie Trittin und Clinton anschmiegen. Die Kritische Theorie, die unter Antideutschen en vogue ist und mit deren Hilfe menschenrechtlich begr�ndeter Imperialismus und krisenbedingte ethnizistische Barbarei als sich gegenseitig bedingende Bestandteile der kapitalistischen negativen Totalit�t beschrieben werden k�nnten, wird dann schnell vergessen sein.

Gerhard Hanloser studiert in Freiburg. In der Jungle World hat er mit Karl Heinz Roth �ber neue Konzepte gegen prek�re Arbeit diskutiert (Nr. 40/98).