Jungle World Nr. 43/2001 - 17. Oktober 2001

Fanta statt Fatwa!

Der Islamismus hat mit sozialer Befreiung oder der Forderung nach einer gerechten Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums nichts zu tun. von andrea albertini

Kaum fielen die ersten Bomben auf Afghanistan, machten die Friedensfreunde von DKP bis NPD, von Horst Mahler bis G�nter Grass, von Antje Vollmer bis Gabi Zimmer an der Heimatfront mobil. Der anglo-amerikanische Krieg in Afghanistan versch�rfe nur die Situation, fordere unter der Zivilbev�lkerung unschuldige Opfer, treibe Millionen in die Flucht, so oder so �hnlich die Argumentation der Friedensaktivisten, die am Wochendende Berlin mit einer Gro�demonstration begl�ckten.

Eine Woche nach dem Beginn der Milit�rschl�ge waren nach Angaben der Taliban - deren Aussagen mindestens genauso bezweifelt werden m�ssen wie die des Pentagons - rund 300 Zivilisten umgekommen. Und man hatte fast den Eindruck, die deutschen Friedensfreunde, die permanent das Wort �Kollateralschaden� im Munde f�hren, h�tten nur darauf gewartet, um das Unmenschliche der amerikanischen Gegenangriffe anzuprangern.

Dabei hat keiner von ihnen sich je um die Opfer der Terrorherrschaft der Taliban geschert. Millionen Menschen, die auf der Flucht sind, weil sie sonst verhungern w�rden; Zehntausende, die hingemetzelt wurden, weil sie nicht in das religi�se oder gesellschaftliche Bild der Gotteskrieger passten; 25 000 Kriegerwitwen, die wie alle Frauen nicht arbeiten d�rfen und deshalb zu verhungern drohen; Frauen, die als Ehebrecherinnen gesteinigt wurden oder denen Gliedma�en abgehackt wurden, weil ihre Kn�chel unbedeckt oder ihre Fingern�gel lackiert waren.

Dass die Tage der Taliban, die ihre Macht bestimmt nicht freiwillig abgeben, gez�hlt sind - welcher Linke k�nnte ernsthaft etwas dagegen haben? Der Verweis darauf, dass die USA Ussama bin Laden erst gro� gemacht haben, eine wie auch immer geartete politische L�sung nach den Taliban schwierig und auch von zweifelhaften Akteuren mitbestimmt wird, ist mitnichten ein Argument f�r die Fortf�hrung der Herrschaft der Taliban, die mit den mutma�lichen Masssenm�rdern von New York zusammenarbeiten.

Umso d�mlicher sind die Theorien so mancher Friedensfreunde, immer wieder beliebt ist die des Kampfes um Rohstoffe. Den USA gehe es bei einer m�glichen Invasion in Afghanistan nur um die strategische Sicherung des Zugangs zu den zentralasiatischen �lfeldern, hei�t es da (Jungle World, 43/00). Wenn dem so w�re, warum haben dann die USA das Taliban-Regime nicht schon l�ngst angegriffen, beseitigt und durch eine amerikafreundliche Regierung ersetzt? Eine moralische Legitamation daf�r zu finden, w�re den USA doch ein Leichtes gewesen.

Der Verweis auf angeblich imperialistische US-Interessen im afghanischen W�stensand verdreht Ursache und Wirkung der aktuellen Entwicklung. Der Afghanistankrieg wird nicht wie der Krieg gegen Jugoslawien gef�hrt, um eine sich bedroht f�hlenden Volksgruppe in einem vermeintlichen Schurkenstaat zu unterst�tzen und der Welt (vor allem Russland und China) zu zeigen, wer am l�ngeren Hebel sitzt. Dieser Krieg ist die Antwort auf einen konkreten und in dieser Form bisher nicht dagewesenen Angriff, eine Reaktion auf die Kriegserkl�rung an den gottlosen american way of life und seine nah�stliche Entsprechung in Tel Aviv und Westjerusalem.

Dass viele Deutsche den USA das Recht auf Selbstverteidigung absprechen, zeigt nicht nur den tief verwurzelten Antiamerikanismus - die USA haben schlie�ich Deutschland zwei Mal den Griff zur Weltmacht verwehrt - sondern auch die klammheimliche Freude dar�ber, dass die Turbanterroristen gezeigt haben, wie verwundbar die Supermacht ist.

Nur dem Druck der USA und ih-rer russischen, chinesischen und indischen Unterst�tzung ist es zu verdanken, dass Kontinentaleuropa, allen voran Deutschland und Frankreich, nicht noch mehr versucht hat, aus der amerikanischen Schw�chung Kapital zu schlagen. Deutschland ist jedenfalls, verglichen mit dem Jugoslawien-Feldzug, von einer Kriegsgeilheit weit entfernt, abgesehen vielleicht von den innenpolitischen Ma�nahmen, die nun versch�rft werden.

Der Rauch �ber dem World Trade Center, der gr��ten multikulturellen Arbeitsst�tte, war noch nicht verzogen, da warnten Bundespr�sident Rau und f�hrende Gr�ne die Amis schon vor Rache. Deutschland bietet den USA dennoch Unterst�tzung an. Das hat einen einfachen Grund: Man will sich international nicht isolieren und m��igend auf den gro�en �Verb�ndeten� einwirken. Schr�ders Hommage an die anti-amerikanische Friedensbewegung, ihm seien Zweifler lieber als �Hurra-Patrioten�, ist da nur folgerichtig. Man stelle sich nur einmal vor, wie Schr�der, Scharping und Fischer vorgegangen w�ren, h�tten vor gut zwei Jahren serbische Untergrundk�mpfer auch nur einen kleinen Anschlag am Potsdamer Platz in Berlin ver�bt.

Jeder denkende Mensch h�tte sofort nach den massenm�rderischen Angriffen auf das World Trade Center wissen k�nnen, wem die Attacke der islamistischen Gotteskrieger in erster Linie galt: Israel. Die antisemitische Komponente ist un�bersehbar, denn das WTC wird als das Symbol des j�disch dominierten Weltkapitals identifiziert, die USA sind die einzi-ge Schutzmacht Israels. (Im �brigen vermisst man seit den New Yorker Angriffen eine selbstkritische Reflexion der linken Praxis, die glaubt, den Kapitalismus, ein abstraktes und komplexes Gewaltverh�ltnis, bek�mpfen zu k�nnen, indem man seine Symbole angreift.)

Dankenswerterweise hat al-Qaida in der vergangenen Woche auch dem letzten linken Romantiker, der im 11. September noch irgendwie ein antikapitalistisches oder antiimperialistisches Motiv entdecken wollte, gezeigt, worum es geht: um die ethnisch-religi�se S�uberung der �islamischen Nation�. Alle �Ungl�ubigen� sollen vom arabischen Boden verjagt werden. Damit sind in erster Linie die Israelis gemeint. Aber es d�rfen sich getrost auch alle anderen angesprochen f�hlen, die nicht in das Bild der Gotteskrieger passen. Zum Beispiel ein Kanadier und seine philippinische Frau, die in Katar erschossen wurden.

Der Djihad, diese �Entscheidungschlacht zwischen Glauben und Unglauben� (al-Qaida), hat mit sozialer Befreiung oder der Forderung nach gerechter Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums nichts, aber auch gar nichts zu tun. Er ist das genaue Gegenteil davon, denn er verspricht kein besseres Leben auf Erden, sondern im Himmel. Das unterscheidet die mittelalterliche Barbarei von der kapitalistischen: Das aufgekl�rte B�rgertum hat zumindest das - wenn auch nie eingel�ste - Versprechen gegeben, dass jeder Mensch gleiche politische Rechte und auch soziale Chancen hat. Diese Versprechen einzufordern, hat die linken K�mpfe in den vergangenen Jahrhunderten befl�gelt. Der Djihad kennt nur Gl�ubige und Ungl�ubige. Und deshalb ist eine Dose Fanta allemal einer Dosis Fatwa vorzuziehen.

Die ideologische Wurzel des Djihad, der Antisemitismus, ist in der gesamten arabischen Welt weit verbreitet. Im Hass auf Israel, den Westen und den �j�disch kontrollierten Weltmarkt� k�nnen sich Moslems aller Glaubensrichtungen wiederfinden. Mit diesem Hass wird der kollektive Komplex verarbeitet, den Sieben-Tage-Krieg gegen Israel verloren zu haben und in der Weltmarktkonkurrenz hinter Ostasien, China und Indien zur�ckgefallen zu sein, obwohl die �konomischen Voraussetzungen der arabischen Schwellenl�nder wegen des �lreichtums weit besser waren.

Deshalb ist es auch eine M�r, die Ursache f�r den islamistischen Terrorismus in der Armut der Region zu sehen (ein Ph�nomen, das Linken aus der Anti-Nazi-Diskussion in Ostdeutschland hinreichend bekannt sein sollte). Anstatt die Petrodollars zu nutzen, um wie beispielsweise in Norwegen ein sozialstaatlich und weltmarktorientiertes System zu errichten, entwickelte sich zum Beispiel Saudi-Arabien zu einem archaischen Regime, dem nicht nur die Lebensbedingungen seiner in- und vor allem ausl�ndischen Glaubensbr�der egal war, sondern das auch noch islamistische Terrorgruppen und ihre ideologischen Wegbereiter ma�geblich unterst�tzte.

Dieser Terrorismus, dessen Protagonisten einer �faschistischen Ideologie mit islamischem Antlitz� (Christopher Hitchens) anh�ngen, ist sp�testens seit dem 11. September virulent. Die USA haben schnell ihre Verb�ndeten an ihre Seite gebracht, um auf den 11. September zu reagieren. Dabei haben sie nicht, wie von vielen halluziniert, wild aus der H�fte um sich geballert. Ob das Vorgehen der USA gegen den islamistischen Terrorismus erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten.

Fakt aber ist: Die USA, die von Linken oft und zu Recht wegen ihrer Interessenpolitik angegriffen wurden, sind die einzige Macht dieser Welt, die zu einem Gegenangriff im Moment in der Lage ist. F�r Linke bleibt, am Traum von individueller Freiheit und einem sch�nen Leben f�r alle festzuhalten: Sherry statt Sharia!



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